Aus dem Organistenleben - Wahre Orgelgeschichten von Marion Langer

(Wenn ich von Organisten rede, dann meine ich damit natürlich auch die weiblichen!)

Staubsaugerquintett

 

Ich sitze an der Orgel und übe Bach. Also üben heißt, schwierige Stellen immer wieder zu wiederholen, langsam in allen Kombinationen. Da ich vergessen habe, dass Kirchenputztag ist, saugt einer in der linken Kirchenecke, eine andere in der anderen, einer auf der Empore, einer im Treppenaufgang. Quasi ein Bachsches Staubsaugerkonzert. SCHSCHSCH hier, Flöten da, SCHSCHSCHSCH dort, Bässe brummen. Ich übe extra leise mit 8' Flöten. Man hört sie trotz Staubsaugergebrumme erstaunlich gut. Überall gewusel, überall wird geputzt, mit Staublappen über die Bänke und anderes Holz. Eine meint zu mir, "Schön! Ich hab mir innerlich gewünscht, dass Orgelmusik gespielt wird, während wir putzen!" - Na, denn! Ich spiele Bach, wiederhole, übe. Plötzlich erscheint eine blonde auf den ersten Blick gepflegte Frau im Kostüm, vielleicht so Ende 50 in mein Blickfeld. Sie guckt zu mir. Ich zögere im Spiel. Sie winkt und deutet mir an, ich solle weiterspielen. Sie stolziert um die Orgel herum, guckt mir zu, lauscht andächtig der - ja ähm, der Staubsaugerflötenmusik?? Sie läuft weiter in die Mitte der Empore, hinterlässt eine leise Alkoholfahne (oha!), schaut auf die Orgelpfeifen und - hüstl - "genießt" die Musik. Zumindest sieht ihr Gesicht so aus. Ich höre verwirrt auf zu spielen. Sofort kommt sie zu mir und sagt mit lauter Stimme den Staubsaugergeräuschen gegensteuernd begeistert: "Oh, wie schön Sie gespielt haben! Wunderschön!" Ich so: "Äh, ja äh, danke! Ich übe nur!" - "Wunderbare Musik! Ich durfte hochkommen, haben die unten gesagt. Aber ich soll Sie nicht stören! Was spielen Sie denn da?!" - Ähm, das hört man ja wohl, denke ich und sage: "Das ist Bach!" Im Hintergrund rauscht das Staubsaugerquartett weiter. "Leider kann ich nicht spielen!" - "Macht ja nix, kann man lernen!", erwidere ich. "Aber ich singe. Gesang ist meins!" Ich nicke und grinse zögernd. "Aber ich will Sie nicht aufhalten! Spielen Sie weiter!" - Ich warte einen kurzen Moment. Sie rührt sich nicht vom Fleck. Ich spiele weiter und da versucht die Dame auf einmal das Thema mitzusingen, was ihr leider so überhaupt garnicht gelingt. Nicht ansatzweise. Ich höre nur schräge Töne, schalte auf Prinzipal 8 und spiele weiter. Sie geht weiter, hört auf zu singen und nickt mir zum Abschied zu. SCHSCHSCHSCHSCHSCH

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Church Rock

 

Neulich in einer alten Kirche. Ich übe auf einer Renaissance Orgel mit verkürzter Oktave. Irgendwann kommt eine ältere Dame zu mir hoch, ich schätze sie auf Mitte 70. Sie fragt mich: "Na, wie läufts? - Ich so: " Ganz gut, nur das eine Gemeindelied hat zu oft As im Bass und blöderweise hat diese Orgel überhaupt kein As im Bass, weil das As hier das E ist und jetzt schreibe ich es etwas um!" – Da antwortet die Dame: "Na, dann spielen Sie doch einfach Elvis!" 

 

 

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Organhandel

 

An einem kühlen Februarvormittag stehe ich an der Theke einer Apotheke in Coswig, also an einer Apo-Theke sozusagen. Eine junge hübsche blonde Frau – ich wollte jetzt nicht Blondine schreiben - bedient mich und schenkt mir einen Schlüsselanhänger mit einer kleiner Taschenlampe dran.

Ich sage: „Super, vielen Dank! Das kann ich wirklich gut gebrauchen! Ich bin nämlich Organistin und wenn ich abends geübt habe, stolpere ich immer im Dunkeln über den Friedhof zum Parkplatz, weil ich nie daran denke eine Taschenlampe mitzunehmen.“ Es folgt – Stille.

Man sieht wie es im Kopf der Dame arbeitet. Ich sehe schon fast den Qualm oben aufsteigen, da reagiert sie plötzlich: „Organistin? Ähm – hat das was mit Organen zu tun?“ –

Jetzt raucht mein Kopf. Was hat sie da gerade gesagt? Ähm, ja klar, ich schleiche nachts im Dunkeln auf dem Friedhof herum, grabe ein bisssss-chen hier und ein bisssss-chen da. Vielleicht kann ja irgendwo jemand noch ein Nierchen oder Leberchen gebrauchen. Und jetzt, da ich ja ein kleines Lichtchen geschenkt bekommen habe, geht das jetzt viiiiiiiel besser und vor allem schneller! Endlich sehe ich auch, was ich da für Organe herausbuddle. Ich schüttele im Geiste mit dem Kopf und sage mit breitem Lächeln: „Ähm, nein, ich spiele die Orgel in der Kirche!“ –

Ein erhellendes AHA-Erlebnis geht im Gesicht der blonden Frau auf: „Achsooo! Orgelistin!“ – Ich schüttele im Geiste wieder den Kopf und verkneife es mir laut lachend herauszubrüllen. Stattdessen grinse ich breit und spreche laut und langsam:

„Nein! Or-ga-ni-stin!“ –

 

Die Dame stottert verunsichert: „Orgel? .. Organistin? – Das habe ich ja noch nie gehört. Das muss ich gleich mal googeln! -…… – Wollen Sie noch eine Zeitschrift?“

 

 

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Die Königin der Instrumente

 

Wenn Leute das erste Mal aus nächster Nähe eine Kirchenorgel sehen, und mich darauf spielen sehen, dann höre ich Worte wie „Schau mal, was die da mit den Füßen macht!“ oder „Was? Mit den Füßen spielt man auch?“ Einige haben mir schon fassungslos zugeschaut und sich gewundert, wie man überhaupt gleichzeitig mit der rechten Hand auf dem oberen Manual,- also die Tastenreihe, - mit der linken Hand auf dem Unteren und dann noch mit den Füßen auf den Pedalen spielen kann. Ich kann nur sagen, Talent hin oder her, ohne Übung geht gar nichts. Und das stundenlang! Genauso wie sich die Leute über mein Orgelspiel wundern, so wundere ich mich über Leute, die gleichzeitig vier Töpfe auf dem Herd haben, nebenbei einen Kuchen backen, dazu noch den Geschirrspüler ausräumen und mit den Füßen die Krümel auf dem Boden zusammenkehren.

 

Die meisten Leute wundern sich über die vielen Pedale der Orgel – es sind je nach Größe der Orgel bis zu 32! Wenn man Orgel spielt, ist es fast so, als ob man ein hoch kompliziertes Auto fahren würde. Nein! Vielmehr fühle ich mich fast wie eine Pilotin in einem Kleinflugzeug,  hoch droben in den Lüften. Ich habe zwar noch nie ein Flugzeug als Pilotin geführt, aber das Fliegen kann nicht viel anders sein, als das Spielen auf der Orgel mit ihren vielen Knöpfen, Schaltern, Manualen und Pedalen. Fast Pilotin sitze ich vor der imposanten Orgel – nicht hoch droben in den Lüften – aber immerhin doch hoch droben auf der Empore, fast wie auf einem Thron. Ganz klar – ich bin hier der Chef. Anstatt nun in einem Auto oder gar Kleinflugzeug, sitze ich in einer Kirche. Und das ist auch gut so. Denn ich will ja nicht vorwärts kommen! Nein! Ich will Klang erzeugen, den Raum erfüllen, die Orgel singen und klingen lassen. Und außerdem, was nützt schon eine fahrende oder fliegende Orgel. Mit ihrer Klangvielfalt wird die Orgel nicht umsonst Königin der Instrumente genannt. Sie selbst lässt mich zur Königin werden, wenn ich in voller Lautstärke die Luft durch die Pfeifen tanzen lasse, bis meine Ohren dröhnen. Dabei geht mein Herz auf und ein breites Lächeln strahlt über mein Gesicht. Zum Glück können mich aber alle nur von hinten sehen, denn sonst würde sich jeder fragen, was die da jetzt wohl für Pillen geschluckt hat.

 

 

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Des Organisten Winterkleid

 

Sobald die ersten Lebkuchen in den Supermärkten auftauchen, ist es bald wieder soweit. Des Organisten Kleider wechseln sich, beziehungsweise schichten sich übereinander. Je kälter es draußen wird, desto mehr Kleiderlagen schichtet sich der Organist überall über. Also fast überall. Meistens gucken noch Nasenspitze und Fingerspitzen hervor. Die Ausrüstung des Organisten darf nicht unterschätzt werden, denn sonst friert er sich im Winter an der Orgel wahrlich wahrlich den Hintern ab! Und nicht nur den. Glücklich ist derjenige, der in einer größeren Kirche bei durchschnittlich 10 Grad üben darf. Die kleineren zugigen Barockkirchen kennen da keine Gnade. Erst sind es 8 Grad, dann 6, dann 5 und dann beginnen die Foltertemperaturen, bei denen auch schon mal die Finger an den Tasten festfrieren. Nach 10 Minuten Üben sieht man aus wie ein aus einem Grab entwichener Zombie mit blauen Fingerkrallen und weißer, tropfender Nasenspitze. Spätestens nach 15 Minuten sollte man mit dem Üben aufhören, um sich irgendwie irgendwo wieder aufzuwärmen, sofern man keinen Heizstrahler hat. Ansonsten kann es passieren, dass der Organist festgefroren und unbeweglich auf der Orgelbank ausharrt und er nur noch mit der Nasenspitze zuckt, so wie das im überdimensionalen Eiswürfel eingefrorene Ice Age Eiszeithörnchen. Mit Heizstrahler verlängert sich die die Zeit um die Hälfte ihres Wertes im Verhältnis zur Gradzahl.

Wenn ich zuhause rufe: „Schatz, ich geh üben!“, brauche ich fast noch eine halbe Stunde, um mich anzuziehen. Nachdem ich noch zweimal auf dem Klo war, schiebe ich mich mit meinem 15 Kilo Notenrucksack die Tür hinaus, klemme mich hinter das Lenkrad und fahre in die Eishöhle.

 

Was zieht man da also an, bei sagenhaften 5 Grad:

Einmal eine lange Thermostrumpfhose unter eine warme Hose oder sogar unter eine Schneehose, dann einen Nierenwärmer, ein Thermounterhemd und ein Thermokurzarmshirt, darüber ein langärmliges Wollshirt und einen dicken Wollpulli, der aber nicht zu dick sein darf, da sonst die Jacke darüber platzt. Dazu ein Halstuch und ein dicker Wollschal, den man so um sich herumwickelt, dass nur noch die Nase herausguckt, also von unten her. Von oben her zieht man sich eine dicke Zipfelmütze bis tief in die Stirn, so dass man gerade noch etwas sehen kann. Eventuell noch ein Stirnband drunter, das die Ohren wärmen soll. Jetzt kommen wir zu den Problemzonen – Füße und Hände. Mit dicken Socken passt man nicht in Orgelschuhe. Manche spielen daher gleich nur mit dicken Wollsocken. Da ich bei Socken auf dem Pedal wie ein Eislaufanfänger hin und her schlittere, muss ich mich mit normalen Socken in Orgelschuhen begnügen und so nehmen die Fußzehen mit jeder weiteren Minute eine immer dunkler werdende Blaufärbung an. Genau das gleiche Problem bei den Fingern. Mit dicken Handschuhen kann man nicht spielen, also nimmt man welche, bei denen vorne nur noch die Fingerspitzen herausgucken. Wenn dann die Orgel eiskalten Wind durch die Tasten pustet, sind die Fingerspitzen nach fünf Minuten abgefroren.

Einmal saß ich also bei Foltertemperatur an der Orgel der Brockwitzer Barockkirche. Ich konnte mich kaum bewegen und sah wohl von außen aus, wie ein verloren gegangener Skifahrer, der verwirrt seine verloren gegangenen Ski suchte. In Wirklichkeit fühlte ich mich wie ein Michelinmännchen mit Zipfelmütze. Zum Glück bin ich nie umgefallen, sonst hätte ich rücklings oder bäuchlings alle Viere strampelnd von mir gestreckt auf Rettung warten müssen. Ich saß also komplett vermummt in lagenweiser Skibekleidung oben auf der Empore auf der Orgelbank, als jemand plötzlich von unten gegen mein Orgelspiel anbrüllte. Ich hörte so etwas wie: „WER SIND DENN SIE!?“

 

Ich drehte mich herum und sah Pfarrer Quentin mit hochgezogenen Schultern verwirrt zu mir nach oben gucken. Er blinzelte zweimal, liess seine Schultern sinken und seufzte erleichert: „Ach du bists, Marion!“

 

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Dunkel wars der Mond schien nicht

 

Wenn die Nächte länger werden, beginnt wieder die gemütliche Kerzenzeit. Für den Organisten schlägt diese Gemütlichkeit gerne mal in blankes Grauen um, wenn beim nachmittäglichen Gang zur Kirche, der über den Friedhof führt, in der Dunkelheit die roten Grabeskerzen flackern. - Die Äste knacken unter den Füßen. Irgendwo huscht ein Tier vorüber. Da! Was war das für ein Geräusch? Kam das etwa dahinten von den Nebelschwaden? Jetzt nieselt es auch noch leicht und in der Ferne hört man Gewittergrollen. Um diese Jahreszeit? Ein leichter Wind kommt auf und lässt die Bäume rauschen. Ich ziehe meine Zipfelmütze tiefer ins Gesicht. Zum Glück habe ich diesmal meine Taschenlampe dabei! Endlich bin ich an der Kirche und brauche drei Versuche, den Schlüssel in das Schloss zu stecken. Das Schloss klemmt. Mit ein bisschen Geruckel geht die Tür endlich auf und ich mache das Licht im Vorraum an. Gleich ist auch die Empore hell erleuchtet und ich fühle mich schon viel besser. Trotzdem, - die Kirche knackt und knirscht. Ich höre bei Geräuschen nicht immer auf zu spielen, außer, wenn ich denke, dass gerade jemand zur Tür hereinkommen ist. Meistens habe ich mich umsonst umgedreht, weil da keiner ist. Derjenige, der tatsächlich reinkommt, muss einen Schlüssel haben, denn ich schließe von innen immer zu. Manchmal hört es sich auch so an, als würde jemand reden. Aber da ist nie jemand. Es jagt einem schon manchmal einen Schauer über den Rücken. Manchmal ist dieses Gewispere aber auch irgendwie tröstlich. Als ob die Kirche mir irgendetwas erzählen wolle.

Einmal, da wohnte ich noch in der Schweiz, bekam ich es aber doch mit der Angst zu tun, als es draußen gewitterte und die Abstände zwischen Blitz und Donner immer kürzer wurden. Es kam ein Sturm auf und die Geräusche wurden immer unheimlicher. Ich hörte mit dem Üben auf, beeilte mich alles einzupacken, alle Lichter auszumachen und im Sturm nach Hause zu rennen, zum Glück damals in der  Schweiz nur über die Straße. Kaum war ich zuhause, gab es einen lauten Knall! Der Blitz war gerade im Kirchturm eingeschlagen. Die Kirchenuhr blieb stehen. Der Strom fiel aus und alle meine elektrischen Geräte, sowie mein Telefon gingen kaputt. Ich stellte mir vor, wie ich an der Orgel sitze, während der Blitz in die Kirche einschlägt. So wie in diesen Trickfilmen, wenn einer den Finger in die Steckdose steckt.

 

 

Gruselig wird es auch, wenn ich üben gehe, während es draußen noch hell ist. Drei Stunden später ist es draußen stockfinster. Ich mache die Orgel aus und das Orgellicht geht aus. - Und stehe im Dunkeln. Mist! Ich habe vergessen, das Licht der Empore anzuschalten. Ich schlafwandele vorsichtig im Dunkeln zum Lichtschalter. Dann laufe ich die erleuchteten Treppenstufen herunter. Lösche das Licht der Empore. Und stehe wieder im Dunkeln. Mist! Ich habe vergessen, das Licht im Vorraum anzumachen. Ich taste mich wieder Fuß für Fuß mit weit ausgestreckten Händen voran bis zur Tür des Vorraums und versuche den Lichtschalter zu finden. Taste mich durch Spinnweben. Bekomme Gänsehaut. Ich finde nichts. Nur den Schalter für die Glocken. Also schleiche ich wieder zurück zum Lichtschalter der Empore. Mit dem Licht der Empore finde ich auch den Lichtschalter des Vorraums und mache das Licht an. Ich gehe zurück und schalte das Licht der Empore wieder aus. Dann mache ich das Licht des Vorraums aus und stehe draußen vor der Türe wieder im Dunkeln. Es ist stockfinster und ich sehe wirklich absolut nichts! Ich brauche einige Minuten um den Schlüssel in das Schloss zu stecken und die Kirche abzuschließen. Dann drehe ich mich um und sehe hier und da vereinzelte rote Grabeslichter flackern. Der Weg zum Parkplatz ist aber praktisch kaum zu sehen. Ich stakse langsam und vorsichtig in Richtung Parkplatz und versuche da zu laufen, wo ich den Weg vermute. Nach ein paar Metern, vermute ich leider falsch, stolpere und lande fast der Länge nach in einem Grab. Ich kann mich gerade noch abfangen und lande wieder auf dem Weg. Zum Glück finde ich den Richtigen bis zum Auto und fahre erleichtert nach Hause.

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Die Anfänge

 

Als ich 14 Jahre alt war, bekam ich auf einer alten zweimanualigen Orgel in meinem 300 Seelen-Heimatdorf im kleinen Odenwald meinen ersten Orgelunterricht. Meine Orgellehrerin war gleichzeitig auch meine Klavierlehrerin und da sie bei der Gemeinde, bestehend aus fünf Dörfern, beim Orgeldienst leicht in Stress geriet, verteilte sie regelmäßig ihre Klavierschüler auf die verschiedenen Gottesdienste. Pro Sonntag gab es immer nur in zwei Dörfern Gottesdienste, einmal um 9 Uhr, einmal um 10 Uhr. Die Predigt der Pfarrerin, über die immer alle hintenherum lästerten, dauerte haargenau immer genau 14 Minuten.

Die kleine, schöne Kirche, in der ich ab sofort spielen durfte, brrrr, war innen immer kalt, düster und gruselig. Regelmäßig brannte der  Weihnachtsbaum an Weihnachten. Im Winter ging nichts ohne lagenweise Kleidung, dicke Winterjacke, Mütze, dicke Socken und abgeschnippelte Handschuhe. Nur meine Nase guckte noch heraus und fror mit jeder Minute mehr ab. Es gab zwar einen Heizkörper. Aber der heizte nur sich selber und man musste aufpassen, dass man sich dort nicht die Finger verbrannte, obwohl er überhaupt keine Hitze abstrahlte.

Im Sommer eierten ein Haufen Viecher kreuz und quer durch die Kirche, dicke Brummer en masse und alle irgendwie schon halb tot. Ich will nicht sagen, dass ich ständig angegriffen wurde, nein, die Mumienflugobjekte hatten mitten im Flug über meinem Kopf ständig Schwächeanfälle, prallten gegen meine Stirn oder fielen in meine Haare. Einmal purzelte mir einer im Gottesdienst während des Spiels in den Ausschnitt. Auf Einzelheiten gehe ich hier jetzt nicht weiter ein, aber zum Glück hat mich da oben auf der Empore keiner gesehen und zum Glück war die Dorfbevölkerung, die sich - auch schon halb tot - die 40 Stufen hoch in die Kirche geschleppt hatte, auch schon halb taub.

Dann ein andermal wieder, im Gottesdienst, da fällt doch so ein schwarzer Brummer genau auf die Taste, auf die ich in der nächsten Hundertstelsekunde meinen Finger setze. Das Geräusch war in etwa ein staubtrockenes „krrrrckkkkk“.

 

Die Kunst des Organisten besteht also darin in allen Extremfällen einfach immer weiterzuspielen und so zu tun als wäre nichts. Der Zuhörer sieht nichts und soll nichts merken, wenn der Organist hoch droben auf der Empore heftig zuckend, sich krümmend, verzweifelt versucht verirrte Insekten loszuwerden. Schließlich hat man ja nur zwei Hände und zwei Füße und die sind beim Orgelspiel nun mal meistens besetzt. Der Zuhörer merkt auch nichts davon, wenn der Organist sich an der Ritze der Taste den Fingernagel blutig aufgerissen hat und einfach weiterspielt, während er am blutenden Finger lutschend, wohlgemerkt ein spielender Finger, gleichzeitig hektisch versucht ein Taschentuch aus der Verpackung zu ziehen, um sofort die Blutspuren zu beseitigen.


Von hängenden Tönen will ich gar nicht so viel schreiben, so oft wie die hängen geblieben sind. Ich weiß nicht, was die Hochzeitsgesellschaft dachte, als ich mit gespannter Handfläche quer über die Tastatur schlug, damit der hängende Ton los lies. Wenn sie gefragt hätten: "Was haben Sie denn da gespielt?" - "Och, was Zeitgenössisches!"

 

Bevor ich einen ganzen Gottesdienst in meiner Heimatkirche spielen musste, durfte ich an Weihnachten zum ersten Mal die Gemeinde bei einem Lied begleiten. Ich legte also ein zackiges Ihr Kinderlein kommet hin, genauso wie ich es auch am Klavier spielte. Aber mir hatte keiner gesagt, dass die Dorfgemeinde im Gottesdienst die Lieder so langsam wie Schweizer Kaugummi langzog. Ich war also mit der ersten Strophe fast fertig, da hörte ich sie noch „Kooooommet“ singen.

 

 

 
Nach den traumatischen Erlebnissen in meiner Heimatkirche, hörte ich mit dem Orgeln im Odenwald auf und fing 10 Jahre später wieder woanders an. Nun gut, der wahre Grund war, dass mein Klavierlehrer meinte, ich solle mich zwischen Klavier und Orgel entscheiden, wegen der Technik, und da ich Musik studieren wollte, entschied ich mich für das Klavier. Woanders war in der Schweiz im schönen Oberaargau. Ich zog direkt neben die Kirche und dachte, oh, da könnte ich ja mal schauen, ob ich noch orgeln kann. Mit Überreichung des Kirchenschlüssels vom Pfarrer wurde ich gleich zum Orgeldienst eingeteilt. Der Pfarrer dort war ein Traum von Pfarrer für jeden Organisten. Er erkannte fast alle Stücke, die ich dort spielte. Und im Gegensatz zu mir konnte er auch noch mit Schweizer Akzent die Bachwerksverzeichnisnummer aufsagen: „Aahhhh, wie schön! Sie haben heute BWV 578 gespielt!“ – Ich stotterte zurück: „Äh, ja ähm, genau!“ Auch die Gemeinde war hocherfreut und dankbar über die Musik, die ich spielte. Da machte das Üben gleich noch viel mehr Spaß und es entschädigte mich doppelt und dreifach dafür, dass ich von der Predigt überhaupt kein Wort verstand. Dieses Berndeutsch! Bärndütsch! Von wegen deutschsprachige Schweiz! Da redete der Pfarrer immer irgendetwas von „Mönsche“ und ich rätselte, was er da über Mönche erzählte. Nach einem Jahr wurde es besser und ich verstand, dass er von Menschen predigte und nicht von Mönchen. Leider bekam der tolle Pfarrer ein Superjobangebot in der französisch sprechenden Schweiz und es kam ein neuer Pfarrer. Der Alptraum aller Organisten. „Spielen Sie doch mal nicht so lange Stücke! Und auf keinen Fall etwas von Bach! Das versteht doch keiner!“ Die Stücke sollten also jetzt nur noch höchstens eine Seite lang sein, damit die Musik nicht von der Predigt und überhaupt von ihm ablenke. Da verging mir die Lust zum Üben. Ich spielte nur noch einfache Stücke von Blatt und übte die anspruchsvolleren Sachen für mich.

 

 

Des Organisten Alpträume

 

Neben alptraumhaften Pfarrern gibt es auch allerhand andere alptraumhafte Sachen für Organisten. Eines Tages während meiner Organisten Tätigkeit im Oberaargau - ich stehe zwei Stunden früher auf, weil sich ja der Chor in der Kirche einsingen muss. Woanders kann er das ja nicht. Und leider kann ich mir die Orgel ja nicht auf den Buckel schnallen und mit nach Hause nehmen, sonst hätte ich mich nämlich zuhause warm gespielt. Ich muss also noch früher aufstehen also sonst, um mich einzuspielen (ja, bin eben Morgenmuffel).

Ich habe etwas Jazziges gefunden, bin voll in meinem Element, mache rhythmische Bewegungen mit, nicke dazu und dann - sehe ich zappelnde, dünne, lange Beine genau vor meiner Nase. Meine Augen schielen zur Nasenspitze hin. Hängt das Tierli etwa schon die ganze Zeit da? Wähhh - eine Spinne, eine große, kopfüber am Faden wie ein nasser Sack und zappelt sich einen ab. Ich rutsche hektisch mit nach hinten gekipptem Oberkörper auf der Orgelbank zur Seite, gerade so, dass ich nicht herunterfalle. Stell sich einer vor, die hätte sich halbtot im Gottesdienst auf meine Nase fallen lassen! Bin ich ein Glückspilz! Ich schnappe mir einen Bleistift und angele mir den Faden mit Spinne - und halbtot wie die ist, fällt die einfach vom Faden herunter und ward nie mehr gesehen. War ich da vielleicht nervös im Gottesdienst - ich fühlte mich die ganze Zeit von 8 Augen beobachtet.

 

Des Weiteren gibt für einen Organisten nichts Schlimmeres als Frauen, die in Stöckelschuhen in den Gottesdienst gehen und mitten im Orgelspiel aus der Kirche stöckeln, weil sie entweder aufs Klo müssen, oder ihren Lippenstift zuhause vergessen haben. Wenn sie dann noch anfangen zu hinken, will man am liebsten einen spanischen Flamenco dazu begleiten- KLack, klack-klack-klack.. Klack, KLACK... klack, klaCK klack-klack-klack

Bei Kindern ist das auch so eine Sache. Gegen Kinder haben wir nichts! Außer gegen diejenigen, die sich oben auf der Empore neben den Organisten platzieren, die ganze Zeit Quatschen und Quatsch machen, Papierschnipseln schnippen, Nintendo mit Musik spielen, mit Stühlen klappern, sich raufen und gegenseitig an den Ohren ziehen, herumkichern oder andere hässliche Geräusche machen, die direkt im Gehörgang des Organisten landen.

  

Meinen Lieblingsalptraum habe ich fast vergessen! Wenn man sich sonntagmorgens so wie ich im Halbschlaf noch die Augen reibt, ein Lied mit 4 bis 6 Strophen begleiten soll und nach der dritten Strophe, oder war es doch schon die vierte? - nicht mehr weiß, wie viele Strophen man schon gespielt hat, dann ist man spätestens nach diesem Adrenalinschub so wach, als hätte man sich den Kaffee über die Laptoptastatur gekippt. Gerade bei Liedern, die fast im Schlaf gehen, schweifen die Gedanken ab ins Universum, oder einfach unter die warme Bettdecke. Und irgendwann erwacht man aus seinem Trance und bekommt einen halben Herzstillstand - uuuuhhh, sch…., bei welcher Strophe bin ich?!! Ist die Gemeinde schon fertig und ich nicht? Oder etwa umgekehrt? Ein Trick ist, man merkt sich den Text der letzten Strophe. Das funktioniert aber auch nur, wenn man hört, was die Gemeinde singt. Für Visualisten wie mich ist es hilfreich, wenn man sich die Strophenzahl, die man gerade spielt, in Gedanken auf die Stirn tackert und dann einfach im Kopf abliest, wo man gerade ist.

Einmal war ich nach der Predigt des Pfarrers so müde, dass ich beim Abendmahlsgebet mit offenen Augen einschlief. Das funktionierte sogar schon einmal in ganz besonderer Weise in dem Schweizer Büro, in dem ich mal gearbeitet habe. Da war ich zuvor erst spätnachts nach einer Reise nach Hause gekommen und dann am nächsten Morgen, also drei Stunden später sooo müde geworden, dass ich mit offenen Augen vor dem Computerbildschirm ein paar Sekunden lang einschlief.  Als ich wieder aufwachte, sah ich am Bildschirm, dass meine Finger trotzdem weitergetippt hatten. Nämlich sowas wie baidfhw iäh baäähg Üwe)u. Das war mir neu, dass ich diese Fähigkeit besaß im Schlaf zu Arbeiten. Zum Glück spielte ich aber während meines Sekundenschlafes nichts an der Orgel – wer weiß, was da rausgekommen wäre. Ich wachte wieder auf, als der Pfarrer einfach alleine das Halleluja sang.

 

 

Sehr beliebt bei Organisten sind auch lange, …  lange Atempausen von Pfarrern. Einmal war eine so lang, dass ich dachte, Ups? Kommt schon das nächste Lied und alle warten auf dich?! Also fing ich einfach mit dem Lied an, bis ich merkte, nö, war doch nicht das Lied, war ne laaaaange Atempause und eigentlich wäre das Glaubensbekenntnis an die Reihe gekommen. Aber ich zog das Ding durch, bis zum Schluss! Es sangen dann sogar nach und nach fast alle mit. Nach dem Glaubensbekenntnis kündigte der Pfarrer mit Kopfschütteln das Lied nochmal an. Die Leute sagten mir hinterher, dass sie es toll fanden, dass ich das Lied einfach durchgespielt hatte, obwohl der Pfarrer vorne am Altar mit hochrotem Kopf nervös hin und her sprang. Sie konnten dem Alptraumpfarrer nämlich genauso wenig etwas abgewinnen wie ich.

 

 

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Däumchen beim Abendmahl

 

An irgendeinem Sonntag im Jahr. Ich spiele aushilfsmäßig in einer Gemeinde im Kanton Solothurn in der Schweiz. Beim Abendmahl spiele ich. Und spiele. Und spiele. Und spiele. Ich schiele zur Gemeinde hinüber, die immer noch im Kreis am Altar steht. Also spiele ich weiter. Und spiele. Und spiele. Und spiele. Ich schiele wieder zur Gemeinde hin. Mannomann, die brauchen aber lange und spiele weiter. Ich spiele und denke, also diese Schweizer! Sind nicht die Berner die langsamen? Diese Solothurner übertreffen aber echt alles! Ich spiele und denke. Das sind doch höchstens 10 Leute! Was machen die denn solange? Eine Weinprobe? Ein Schlückchen hier, ein Schlückchen da, ein bisschen Brot zwischendurch und das ganze wieder von vorne? Ich kenne die Schweizer ja als sagenhafte Weinkenner und Weinliebhaber. Mein Schweizer Vermieter hat den ganzen Keller voll Wein. Meine abschweifenden Gedanken kehren zum Moment zurück und die Gemeinde steht immer noch im Kreis. Ich spiele und spiele und schiele und denke: Sag mal, dreht dieser Opa da etwas die Däumchen? In dem Moment steht plötzlich meine Mutter neben mir, die mich begleitet hat und flüstert mir zu: „Ich glaube, Du kannst jetzt aufhören. Die sind schon laaaaange fertig und der eine Opa da – der dreht schon Däumchen!“

 

Also echt jetzt! Das hätte man mir ja auch mal einer sagen können, dass sich die Gemeindemitglieder in dieser Gemeinde erst hinsetzen, wenn der Organist aufgehört hat zu spielen! Wenn meine Mutter nicht gerade zu Besuch da gewesen wäre, dann würden wir jetzt immer noch da sitzen und spielen und da stehen und Däumchen drehen. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann spielen und drehen sie noch heute!

 

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Der vergeigte Ewigkeitssonntag

 

Eines Tages. Der Alptraumpfarrer schrieb eine Mail: „Und? Haben Sie schon einen Instrumentalisten für den Ewigkeitssonntag ins Auge gefasst, wie üblich?”
Ich nervös: “Ähm, wie üblich? Instrumentalist?“ Der Pfarrer wollte also, so wie er es aus seiner früheren Gemeinde kannte, gerne einen weiteren Instrumentalisten zu der Orgel dazu haben. Für mich war das überhaupt nicht üblich. Und da ich kurzfristig niemanden finden konnte, vermittelte mir der Pfarrer einen Geiger, der "in einem renommierten Berner Orchester“ Geige gespielt habe. Na jut, da kam er, der Geiger, zur Probe - puhhh. Ich dachte, - ok - , vielleicht kennt er die Stücke nicht, die er selber mitgebracht hat und er übt sie noch bis zum Gottesdienst. Außerdem wollte ich den Wunsch des Pfarrers nur ungern abschlagen, weil ich keine Lust hatte mit ihm zu reden.

 

Im Gottesdienst quietschte nun also der Geiger los und ich dachte nur, hm, ok, ich wars nicht, - nö, - war nicht meine Idee, ich wurde GEZWUNGEN! sozusagen.

Nach dem Gottesdienst. Pfarrer schrieb eine Mail, ich solle mal bei ihm vorbeikommen, wegen des Gottesdienstes. Man muss dazu sagen, dass der Pfarrer genau gegenüber von mir gewohnt hatte. Er hätte also genauso gut einfach bei mir Klingeln können, anstatt eine E-Mail zu schreiben. Ich ging also über die Straße und klingelte an seiner Tür. Da erzählte er mir, er hätte nicht gewusst, dass der angeblich so gute Geiger überhaupt nicht spielen könne und nach dem ersten Quietschen hätte er gedacht "Ojeee, was kann ich nur tun? Er wird noch zwei weitere Stücke quietschen?!". Ich sagte ihm, dass ich seinen Wunsch nicht hätte abschlagen wollen und dass ich es also nicht hätte ändern können. Die Leute hatten erst gedacht, es sei ein Schüler von mir (also Bitte!)... Selbst die unmusikalischsten Besucher hatten gehört, dass da etwas nicht ganz normal quietscht.

 

Aber das war ja an diesem Ewigkeitssonntag noch nicht alles. Es wurden im Gottesdienst alle Verstorbenen des Jahres vorgelesen und nach drei Namen sollte ich je ein kurzes Zwischenspiel spielen (also insgesamt 8 Zwischenspiele). Der Pfarrer meinte zur Gemeinde, dass die Angehörigen jeweils nach vorne kommen könnten, um eine Kerze anzuzünden. Was der Pfarrer wirklich gemeint hatte, war, dass von den Verstorbenen je EIN Angehöriger nach vorne kommen könne und je EINE Kerze angezündet würde. Was die Gemeinde verstand, war, dass ALLE Angehörigen nach vorne kommen und ALLE eine Kerze anzünden könnten, die es wollten. Und es wollten ALLE! Kurz vor dem 8. Zwischenspiel stockte der Pfarrer plötzlich mitten im Satz und sagte nichts mehr. Dann rief er so etwas die Empore hoch, wie: "Ich bitte die Organistin längere Zwischenspiele zu spielen!"

Ich - hä? (Odenwälderisch für „Bitte was?“). Was fällt ihm ein, mir zu sagen, ich solle längere Zwischenspiele spielen, bei acht Stück?

Zum Glück war mein damaliger Freund und heutiger Mann dabei. Er beugte sich zu mir herüber und flüsterte mir zu: "Die Kerzen sind ausgegangen! Du sollst ein längeres Zwischenspiel spielen."

Achsoo! seufzte ich. Ich kramte in meinen Noten und begann ein längeres Zwischenspiel. Währenddessen stürzte der Pfarrer von der Kanzel hinunter, stürmte aus der Kirche, knallte die Tür hinter sich zu und kam nach einigen Minuten schwer keuchend mit vielen Kerzen wieder in die Kirche hinein gerannt. Er wetzte die Kanzel hoch, rang nach Luft und las den letzten Verstorbenen des Jahres 2009 vor, ausgerechnet ein junges Unfallopfer mit sehr vielen Angehörigen und Freunden des Opfers.

 

Die Predigt ging weiter, bis der Pfarrer wieder mitten im Satz aufhörte zu reden. Ich dachte genervt, „Was ist jetzt wieder?!“

Bis mein Freund sich zu mir herüberbeugte und mir zuflüsterte: "Die Kerzen auf dem Altar brennen!". Ich so: „Ja klar brennen die Kerzen, ist doch normal!“- Ich drehte mich herum, und sah ein kleines Lagerfeuer, Flammen auf dem Alter, Rauch quoll hervor, die ersten Leute husteten. Der Sigrist, also der Schweizer Kirchendiener, kam aus dem Kämmerchen angerannt und warf ein nasses Handtuch auf den brennenden Altar. Es qualmte noch mehr, aber der kleine Brand wurde gelöscht.

 

 

Da so viele lange dünne Kerzen angezündet wurden, die in einen Plastikeimer voll Sand gesteckt worden waren, fing der Plastikeimer an zu brennen und der Rest gleich mit. Der Gestank war wirklich ganz fürchterlich. Am Ende des Gottesdienstes schüttelten die meisten brav dem Pfarrer die Hand, der immer noch mit hochrotem Kopf leicht nach Luft japste.

 

 ***

Eingesperrt

 

An einem Sonntag soll ich als Aushilfe in einer größeren Schweizer Gemeinde im Kanton Solothurn spielen. Da ich die Orgel nicht kenne, frage ich, ob ich mal vorher dort üben könne. Natürlich, heißt es, überhaupt kein Problem, - der Sonntag vorher, da wäre noch nach dem Gottesdienst die Kirche frei. An besagtem Sonntag fahre ich die 45 Kilometer bis dorthin, warte bis der Gottesdienst vorüber ist, gehe hinein in die schöne große Kirche und finde den Kantor, der mir die Orgel zeigt und mir den "Der-ist-für-Alles-Schlüssel" überreicht.

 

Ein Schlüssel für Alles, für die Außentüren, für die Innentüren, für die noch inneren Türen, wo man zu Orgel reinkommt, für die Orgel und ja, das wars. Die Toiletten sollten ja offen sein, wenn keiner drin ist.

 

Ich übe und übe und übe und bin irgendwann fix und - fertig, ziehe den Schlüssel aus dem Orgelschloss, gehe durch eine der noch inneren Türen, zum inneren Äußern, schließe die Tür brav ab, lösche alle Lichter, schließe die Tür wieder auf, gucke nach der Orgel - habe ich sie auch wirklich aus gemacht? - jawohl -,

schließe die Tür wieder zu, gehe die Treppe nach unten, gehe durch eine der Innentüren, schließe sie vor mir auf und hinter mir wieder ab, laufe durch das Kirchenschiff bis zur nächsten Innentür, schließe sie auf, schließe sie hinter mir wieder ab, - und alles mit einem Schlüssel! Saaagenhaft! - gehe zu einer der Außentüren, will sie aufschließen, - äh, - Moment - Schlüssel passt nicht, hm.

Ich begebe mich zur nächsten Außentür, Schlüssel passt auch nicht. Weiter zur Tür Nummer drei, passt auch nicht. Hm? Ich gehe noch einmal zu ersten Tür, probiere es noch einmal, versuche den Winkel zwischen Schloss und Schlüssel zu verändern, kratze sanft am Schloss, renne frustriert zur Innentür und wieder zurück, werde langsam gewalttätig und versuche mich doch gleich wieder zurückzuhalten. Nicht, dass der Schlüssel noch abbricht!

Ich mache einen unfreiwilligen Rundgang durch sämtliche Innentüren, um andere Außentüren zu finden. Nach der 6. oder 7. ich weiß nicht mehr, gebe ich auf. Alles abgeschlossen! Und der Schlüssel-für-Alles passt definitiv nicht bei den Außentüren!

 

Mein Hirn qualmt, ich grübele, und grübele, und grübele, und denke, ok, erstmal aufs Klo, die Tür muss ja offen sein.

Wenn keiner drin ist.

 

Nächste Idee, ich brauche Telefonnummern, bloß woher? Ich wühle mich durch Broschüren und Flyer, die zwischen Innen- und Außentüren herumliegen. Da! Eine Telefonnummer vom Sigrist (Kirchendiener)! Zum Glück hat man ja heutzutage immer sein Handy dabei. Draußen ist ein wunderschöner, warmer, sonniger Tag mit strahlendblauem Himmel. Ich wähle die Nummer auf dem Flyer... tut. tutt. Anrufbeantworter - Mist! Ich lege auf.

 

Nächste Nummer. Pfarrer soundso. Keiner da.

Hier noch Pfarrerin Frau XY Ungelöst. Auch niemand da.

 

Hm. Polizei anrufen ist ja auch blöd. Was hätte ich da sagen sollen? Hallo?? Hier ist die Marion, ich bin in der Kirche eingesperrt. Können Sie mich herausholen? Es ist sonntagnachmittags. Kein Schwein geht ans Telefon und kein Schwein ruft mich an und wenns blöd läuft, findet man irgendwann nur noch ein Skelett zwischen Innen- und Außentüren!

 

Draußen scheint die Sonne, es ist herrlichster Sonntag! Niemand ist zuhause und ich stecke in der Kirche fest!

Sowas blödes! Mist! Ich will nach Hause, ich brauche nachmittags meinen Kaffee und Kuchen! Ich will raaaaaauuusssss!!!

 

Die Sonne scheint durchs Fenster.

...

FENSTER! Es gibt FENSTER! Fenster! fenster!

 

fenster

Bloss, kann man sie auch öffnen? Ich sehe einen Griff. Ahh, das ist guuuut! Blöd nur, dass ich zu klein bin und nicht hinkomme, oh nein!

Meine Augen wandern durch den Vorraum und tatAAAA - ein Schirmständer!

 

Ich schleppe den Schirmständer unter das Fenster, das neben der Außentür die Flucht ins Freie verspricht, steige darauf und kann das Fenster öffnen. Ich werfe meinen 15 Kilo Rucksack mit den Noten und Orgelschuhen im hohen Bogen ins sonnige Blau und klettere wie ein Bergsteiger am Eiger zum Fenster hoch, steige durch den Rahmen und springe mit klopfendem Herzen meinem froschgrünen Rucksack hinterher....

 

Geschafft! Ich bin frei! Gottseidank hab ich nicht die Polizei angerufen. Das wäre ja peinlich geworden. Tschaikowskys Klavierkonzert reißt mich aus den Gedanken. Handy! Ich hebe ab. Der Sigrist ist dran. Er habe meine Nummer gesehen. Ich erzähle ihm von dem Schlüssel für Alles und dass er nicht gepasst hätte, dass ich eingesperrt worden sei und aus dem Fenster gesprungen sei, um nicht als Skelett zwischen Innen- und Außentüren zu verenden. Er solle dann bitte noch vorbeikommen, um das Fenster zu schließen!

 

Nicht dass die Polizei noch vorbeikäme, weil irgendeiner denke, es sei jemand in die Kirche eingebrochen.

 

Es muss ja keiner wissen, dass ich dort ausgebrochen bin!

 

Dem Kantor tat es später furchtbar leid. Er fragte, ob ich die Außentür in der Nähe der Orgel ausprobiert hätte, also rechts die Tür, die nach den Treppen kommt, wenn man aus der inneren Innentür herausgekommen ist.

 

Hm, Außentür rechts neben der Orgel???

 

Eine Achte?

***

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Kommentare: 5
  • #1

    Mareike Linne (Samstag, 11 April 2015)

    Herzlichen Dank für die Sammlung der "Organistengeschichten". Ich habe mich bestens darin wieder erkannt.
    Herzliche Grüße und alles Gute weiterhin!

  • #2

    Linda (Donnerstag, 10 März 2016 10:58)

    Herrlich zu lesen, ich hab mich köstlich amüsiert! :-D

  • #3

    Friedrich (Donnerstag, 11 August 2016 04:03)

    Wie viele Strophen sinds noch?

    Ich lege mir so viele Streichhölzer rechts neben das unterste Manual wie es Strophen hat und ziehe immer eines nach einer Strophe weg!! Klappt gut!!

  • #4

    Marion (Donnerstag, 25 August 2016 22:29)

    Ich heiße auch Marion und habe als Organistin gearbeitet, zur Zeit als Klavierlehrerin.
    Wirklich köstlich diese Anekdoten! Viele davon habe ich auch so ähnlich erlebt, konnte sie aber leider nicht mit soviel Humor nehmen. Mit dem Einsperren hatte ich großes Glück. Das ist mir nie passiert. Echt genial, diese Seite.

  • #5

    Marion (Freitag, 26 August 2016 00:07)

    Vielen Dank für die lieben Kommentare!
    @marion, das ist ja witzig, dass wir den gleichen Namen und den gleichen Beruf haben! Ich würde mich auch über Austausch freuen :-)